Ein Modell ohne Daten ist nur Geometrie: Warum LOI und LOIN den Unterschied machen

Ein BIM-Modell, das ausschließlich aus geometrischen Körpern besteht, ist für die Praxis nahezu wertlos. Erst die Informationen, die an den Bauteilen hängen, machen das Modell zur belastbaren Planungsgrundlage. Genau hier kommt der Level of Information (LOI) ins Spiel: Er beschreibt den Informationsgehalt eines Bauteils – Material, Brandschutzklasse, U-Wert, Baujahr und vieles mehr.
Doch damit nicht genug: Die DIN EN 17412-1 hat mit dem Level of Information Need (LOIN) ein Konzept etabliert, das den tatsächlichen Bedarf in den Mittelpunkt stellt. Die Kernaussage: Nicht alles muss immer geliefert werden. Die Flächenberechnung braucht andere Daten als die energetische Sanierung. Der Informationsbedarf wird je Zweck und Phase festgelegt.
Das Wichtigste in Kürze
- LOI beschreibt den Informationsgehalt eines Bauteils – welche Daten trägt es?
- LOIN (DIN EN 17412-1) definiert den Bedarfs an Informationen – was wird für einen konkreten Zweck tatsächlich gebraucht?
- Das LOIN-Konzept umfasst drei Dimensionen: Geometrie, alphanumerische Informationen und Dokumentation.
- Der Informationsbedarf wird je Anwendungsfall, Meilenstein und Akteur festgelegt.
- Die Maxime lautet: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“
LOI: Der Informationsgehalt eines Bauteils
LOI (Level of Information) beschreibt die alphanumerischen Informationen, die an ein Modellelement angehängt werden. Das sind Eigenschaften wie:
- Material (z. B. Stahlbeton C30/37, Mauerwerk, Holz)
- Brandschutzklasse (z. B. F30, F90, REI 120)
- U-Wert (z. B. 0,24 W/m²K)
- Baujahr oder Errichtungsjahr
- Herstellerangaben, Wartungsintervalle, Kosten
LOI ist damit die „Datenseite“ des Modells, während der Level of Detail (LOD) die „Geometrieseite“ beschreibt. Ein Bauteil kann geometrisch hoch detailliert (hoher LOD) sein, aber datenarm (niedriger LOI) – oder umgekehrt.
Die Skalen für LOI sind weniger standardisiert als bei LOD. Oft werden sie projekt- oder auftraggeberspezifisch in den AIA definiert. In der Praxis haben sich Level wie LOI 100 bis LOI 500 etabliert, analog zu den LOD-Stufen.
LOIN: Der Bedarf an Informationen nach DIN EN 17412-1
Die DIN EN 17412-1 – seit Juni 2021 in Deutschland als Norm eingeführt – geht einen entscheidenden Schritt weiter. Sie ersetzt das starre LOD-Konzept durch die Informationsbedarfstiefe (Level of Information Need, LOIN).
Der Kerngedanke: Im Mittelpunkt steht nicht das Bauteil selbst, sondern der konkrete Informationsbedarf in Abhängigkeit vom Anwendungsfall. Die Norm stellt sicher, dass nur die notwendigen Informationen in der passenden Detailltiefe für spezifische Anwendungsfälle bereitgestellt werden.
Die drei Dimensionen des LOIN
Ein vollständiger LOIN umfasst drei Dimensionen, die für jedes Objekt definiert werden:
| Dimension | Frage | Beispiele |
|---|---|---|
| Geometrische Informationen | Wie detailliert ist Form und Lage? | Detaillierung, Dimension, Position, visuelle Erscheinung |
| Alphanumerische Informationen | Welche Eigenschaften hat das Objekt? | Material, Brandschutzklasse, U-Wert, Klassifikation |
| Dokumentation | Welche Nachweise gehören dazu? | Prüfberichte, Zertifikate, Handbücher |
Die geometrischen Informationen werden nach Detaillierung, Dimension, Lage und Erscheinung unterschieden. Die alphanumerischen Informationen umfassen Identifikationsinformationen (Name, Typ, Klassifikation) und den Informationsgehalt (Merkmalsgruppen und Merkmale).
Der Kontext: Zweck, Zeitpunkt, Akteur
Der entscheidende Unterschied zum klassischen LOD: Die Informationsbedarfstiefe wird immer im Kontext definiert. Das bedeutet:
- Lieferzeitpunkt (Meilenstein der Informationsbereitstellung)
- Anwendungsziel (Zweck der Informationslieferung)
- Akteur (Informationsbesteller und -bereitsteller)
- Granularität (pro Modell oder pro Modellelement)
Dieser feste Bezug zu Anwendungsfall, Zeit und Teilnehmer stellt sicher, dass immer ein konkret definierter Kontext existiert – anders als beim klassischen LOD, bei dem oft der Anwendungsbezug fehlte.
Warum nicht alles immer geliefert werden muss
Der Kern des LOIN-Konzepts lautet: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“ Das hat einen handfesten wirtschaftlichen Hintergrund:
- Zu wenige Informationen führen zu Fehlern oder Missverständnissen.
- Zu viele Informationen erzeugen unnötigen Datenverbrauch, Aufwand und Mehrkosten.
Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Bei der Planung einer Brandschutztür ist es entscheidend, dass Öffnungsmaße und Feuerwiderstandsklasse korrekt angegeben sind. Für die Planungsphase sind hingegen keine Informationen zu Beschaffungskosten, Wartungsintervallen oder Details wie Drückergarnituren erforderlich.
Beispiele: Flächenberechnung vs. energetische Sanierung
Der Informationsbedarf unterscheidet sich je nach Anwendungsfall erheblich. Zwei Beispiele aus der Praxis:
Anwendungsfall 1: Flächenberechnung nach WoFlV
| LOIN-Dimension | Benötigte Informationen |
|---|---|
| Geometrie | Grundrissgeometrie, lichte Innenmaße, Raumhöhen, Dachschrägen |
| Alphanumerisch | Raumnutzung, Wohnflächenfaktor (Balkon 25 %, Schräge 50 %) |
| Dokumentation | Grundrisspläne, Berechnungsnachweis |
Für die Flächenberechnung ist die exakte Geometrie entscheidend. Materialdaten oder U-Werte werden nicht benötigt.
Anwendungsfall 2: Energetische Sanierung
| LOIN-Dimension | Benötigte Informationen |
|---|---|
| Geometrie | Bauteilgeometrie, Schichtaufbauten, Fensterflächen, Wärmebrücken |
| Alphanumerisch | U-Werte, Materialkennwerte, Baujahr, Dämmstärken, Heizungsdaten |
| Dokumentation | Energieausweis, Bauteilkatalog, Nachweise |
Für die energetische Sanierung sind alphanumerische Informationen wie U-Werte und Materialkennwerte mindestens genauso wichtig wie die Geometrie. Die Anforderungen an die Dokumentation sind deutlich höher.
Vergleichstabelle: LOI und LOIN im Überblick
| Kriterium | LOI (Level of Information) | LOIN (Level of Information Need) |
|---|---|---|
| Frage | Welche Daten trägt das Bauteil? | Welche Daten werden für einen Zweck benötigt? |
| Perspektive | Ist-Zustand des Modells | Soll-Zustand (Bedarf) |
| Grundlage | Projekt-/auftraggeberspezifisch | DIN EN 17412-1 |
| Bestandteile | Alphanumerische Attribute | Geometrie, Alphanumerik, Dokumentation |
| Skala | LOI 100–500 (projektabhängig) | LOIN-Stufen je Anwendungsfall |
| Kontext | Nicht zwingend erforderlich | Zweck, Zeitpunkt, Akteur verbindlich |
| Maxime | — | „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ |
LOIN in der Praxis: Festlegung im AIA und BAP
Die Informationsbedarfstiefe gehört verbindlich in die AIA (Auftraggeber-Informations-Anforderungen) und wird im BAP (BIM-Abwicklungsplan) konkretisiert. Der Auftraggeber ist für die LOIN-Festlegung verantwortlich, da daraus der Modellierungsaufwand für den Auftragnehmer abgeleitet wird.
In der Praxis hat sich die LOIN-Matrix etabliert: eine tabellarische Darstellung, die je Bauteil, Leistungsphase und Anwendungsfall festlegt, welche Informationen geliefert werden müssen. Diese Matrix verhindert sowohl Unter- als auch Übermodellierung.
Ein vollständiger LOIN sollte folgende Angaben enthalten:
- Objekt (welches Bauteil?)
- Anwendungsfall (wofür werden die Informationen gebraucht?)
- Meilenstein (wann werden sie geliefert?)
- Akteur (wer liefert, wer empfängt?)
- Informationskategorien (Geometrie, Alphanumerik, Dokumentation)
Fazit: Ein Modell ohne Daten ist nur Geometrie. Der LOI beschreibt, welche Informationen ein Bauteil trägt – der LOIN nach DIN EN 17412-1 definiert, welche Informationen für einen konkreten Zweck tatsächlich benötigt werden. Wer beides beherrscht, liefert weder zu wenig noch zu viel und stellt sicher, dass das Modell für die jeweilige Aufgabe wirklich taugt.
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